Nach einem späten Start in das zweite Semester (ich befand mich die erste Semesterwoche noch in Laos) fand ich mich schnell wieder an der Uni zurecht. Leider haben fast alle alten Studienkollegen das Land verlassen und ich musste mir wieder ein paar neue Freunde anschaffen. Diesmal hatte es weniger Austauschstudenten und nur zwei oder drei hatten das erste Semester überlebt. Die Kollegen vom ersten Semester berichtetet von Fernweh und haben mich beneidet, dass ich länger bleiben konnte. Toll war, dass ich viele thailändische Studenten bereits kannte und ich konnte diese Freunde im Verlauf vom zweiten Semester besser kennenlernen. Zweimal gab es sogar eine Party (ausschliesslich Frauen und zwei, drei europäische Kollegen), was mir ein anderes Bild von den fleissigen asiatischen Schülern gegeben hat. Im Grossen und Ganzen fand ich das zweite Semester spannender (der Arbeitsdruck war auch geringer), jedoch war es schade die guten Kollegen vom Herbst nicht mehr sehen zu können.
Fachlich gab es auch einen Wechsel, da ich zwei Fächer von der Faculty of Economics gebucht hatte: Development Economics und ein Seminar in Development Economics. Das erste Fach wurde von einem thailändischen Professor indischer Herkunft gelehrt. Er tat dies mit viel Enthusiasmus und langen Redepausen. Der Inhalt war sehr interessant, vor allem da der Professor für die Bank of Thailand arbeitet und dadurch mit sehr aktuellen Daten in die Stunden kam. Das zweite Fach wurde von einem älteren, amerikanischen Professor, welcher für die Worldbank gearbeitet hatte, gehalten. Leider gab er keine Vorlesungen, weshalb ich nicht gross von seinem Wissen profitieren konnte. Weitere drei Fächer besuchte ich vom BBA Programm, wobei zwei Fächer eher langweilig und nicht anspruchsvoll waren. Das Fach Strategic Management dafür war meiner Meinung nach eines der besten Fächer, das ich je besucht hatte. Der Kurs fand zweimal pro Woche statt, wobei jedes Mal eine andere Gruppe eine Fallstudie präsentieren musste. Die Klasse wurde in insgesamt 14 Gruppen à zwei bis drei Studenten aufgeteilt. Eine Fallstudie besteht aus ca. fünf bis 30 Seiten und erzählt in einem dramatischen Ton über die Lage einer Firma. Sie enthält u.a. die Firmengeschichte, Informationen über den Chef, Tabellen der Buchhaltung und andere finanzielle Daten, oder auch ein Werbeplakat. Somit kann man sich ein gutes Bild der Firma machen und sich in die Lage des Chefs versetzen. Die Aufgabe besteht nun darin, zuerst die Stärken, Schwächen, Opportunitäten und Gefahren der Firma aufzulisten (möglichst komplett). Danach muss man die finanzielle Lage, die Positionierung im Markt und das Management evaluieren. Darauf folgt eine Auflistung der “distincitve competencies”, das sind Eigenschaften der Firma, welche andere Firmen nicht einfach kopieren können (z.B. spezielles Wissen) sowohl als auch “sustainable competitive advantages”, Vorteile, welche auch über längere Zeit nicht von anderen Firmen aufgeholt werden können (z.B. patent-geschützte Produkte). Aufgrund dieser Analysen kann man fünf wichtige Probleme der Firma erkennen und eines auswählen. Diese Wahl muss man natürlich gut begründen können. Schlussendlich muss die Gruppe zehn mögliche Lösungsvorschläge für dieses Problem aufzählen und zwei davon auswählen. Diese beiden Lösungsvorschläge muss man dann in Tiefe erläutern. Die Präsentation einer Fallstudie dauert etwa 20 Minuten. Eine andere Gruppe spielt das Board of Directors und stellt drei Fragen pro Mitglied. Danach muss das Board die beiden Lösungsvorschläge annehmen oder ablehnen. Für das Stellen und Beantworten von Fragen gibt es, je nach Qualität, Punkte. Als Gruppe muss man das Board dazu bringen, die Lösungsvorschläge anzunehmen. Als Board muss man möglichst im Interesse der Firma abstimmen. Danach dürfen die anderen Studenten, die Shareholders, Fragen stellen. Im Anschluss erläutert der Professor die Fallstudie und erarbeitet sie gemeinsam mit der Klasse. Für das zufriedenstellende Beantworten von seinen Fragen gibt es auch Punkte. Der Professor war CFO (Finanzchef welcher dem Firmenchef unterstellt ist) zwei grosser amerikanischer Firmen und hat danach seine eigene Beratungsfirma gegründet und diese für eine hohe Summe verkauft um hier in Thailand als alter Mann die Sonne zu geniessen. Er ist sehr freundlich, sympathisch und hat ein sehr grosses praktisches Wissen. Mir hat diese Klasse sehr gefallen.
Ausser den fünf Fächern habe ich im März meine Bachelorarbeit begonnen. Ich werde dazu noch mehr in einem späteren Beitrag schreiben. Speziell war, dass ich eine Studie mit 30 Studenten durchführen musste. Zu Beginn habe ich Fremde angehauen, jedoch haben mir meine Freunde sehr nett geholfen. So wurden mir ganz schnell viele andere Studenten vermittlet und ich war innert zwei Tagen mit der Studie fertig. Das wäre bei uns nicht so einfach möglich, da man halt nicht den “Ausländervorteil” besitzt…