Was uns an der Uni bereits am ersten Tag mitgeteilt wurde, und ich teilweise bereits schon wusste, ist, dass man in Thailand eine Menge Geduld braucht. Dies kommt hauptsächlich daher, dass für uns Zeit ein sehr wichtiges Element im täglichen Leben ist. Wenn sich zwei Menschen in der Schweiz um 19:15 verabreden, dann wird erwartet, dass man um 19:15 am Ort ist. Da die meisten Menschen nicht so zeitgenau wie die Militärs sind, haben wir eine Toleranzschwelle von ca. 15 Minuten. Bereits nach ca. 10 Minuten würde man auf das Handy des anderen anrufen, um zu fragen, wann er dann endlich kommt. Beantwortet der andere das Telefon auch nach 30 Minuten nicht, würde ich – ausser in Ausnahmefällen – gehen.
In Thailand sieht das anders aus. Wir hatten vor zwei Wochen um 11 Uhr für eine Besprechung abgemacht, es war niemand da. Jemand kam um viertel nach, jemand anders um 1 Uhr, jemand um 2 Uhr. Allerdings ist das nicht immer so. Gestern waren alle um 10 Uhr dort. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Thailänder einen anderen Zeitbegriff haben. 10 Minuten in Thailand können schnell zu 30 Minuten in der Schweiz werden. Busse fahren nicht um Punkt 14 Uhr ab, auch wenn es der Fahrplan so sagt. Oft wird noch ein wenig gewartet, bis der Bus voll ist. Die Vorlesung fängt NIE zur geplanten Zeit an, es dauert immer ca. 10 Minuten bis sie anfängt.
Für uns ist diese Situation recht schwierig, da wir uns anhand von Zeitplänen organisieren. Der Bus fährt dann, ich bin dann und dann in der Stadt, deshalb treffen wir uns um diese Zeit. Wenn der Bus irgendwann kommt, lässt sich schwer eine genaue Zeit vereinbaren. Oder wenn man dummerweise eine Stunde im Stau steckt, kann man nicht zur abgemachten Zeit eintreffen. Ich habe für diese Probleme immer eine Zeitschrift, die ich lesen will, dabei. Wenn ich warten muss, kaufe ich mir etwas zu trinken/essen und lese halt ein wenig. Oder wenn das Taxi mal eine Stunde braucht, kann man sich auch beschäftigen.
In Thailand gibt es eine sehr interessante “Lösung” für die Zeitungenauigkeit: Töne/Geräusche. Wenn der Nudelmann, also der Mann, welcher einen Wagen mit einer mobilen Küche vor sich herschiebt, durch die Seitenstrasse (“Soi”) läuft, macht er ein Klopfgeräusch. Das hört man in den Häusern, und wenn man Nudeln will, kann man jetzt hinausgehen und diese frisch gekocht kaufen. Eisverkäufer lassen je nach Marke (Nestlé oder Wall) eine Musik abspielen. Der Bus, welcher bei Annchalees Familie durchfährt, Hupt einfach die ganze Zeit – so wissen alle, aha, der Bus kommt. Wahrscheinlich gibt es noch mehr Beispiele.
Soviel zur Zeit, nun zum Geld. Das BIP (Bruttoinlandprodukt) pro Kopf in der Schweiz beträgt 58084 Dollar, wodurch wir auf dem Platz 6 landen. In Thailand ist das pro Kopf BIP nur 3737 Dollar und liegt damit auf dem Platz 89. Dieses Ranking würde stimmen, wenn wir das selbe Preisniveau hätten. Da dieses Niveau aber sehr unterschiedlich ist, müssen die obigen Zahlen angeglichen werden. Auf Platz 8 liegt die Schweiz mit 41128 Dollar pro Kopf. Thailand folgt auf Platz 79 mit 7900 Dollar pro Kopf. Die Kaufkraft im eigenen Land unterscheidet sich zwischen Thailand und der Schweiz mit Faktor 5. Ein Schweiz kann demnach in der Schweiz 5-Mal soviele Dinge kaufen wie ein Thailänder in Thailand.
Die meisten Thailänder sind auf das tägliche Leben ausgerichtet. “Ich verdiene 100 Baht, ich gebe 100 Baht aus”. Dies ist einerseits möglich, da es soviele Möglichkeiten gibt Geld zu verdienen. Auf einer Baustelle arbeiten Hunderte von Menschen, wobei in der Schweiz auf der selben Baustelle nur ein Bruchteil von Bauarbeitern arbeiten würde. Wir ersetzten Menschen mit Maschinen, da die Personalkosten immens sind. In Thailand ist es (noch) umgekehrt.
Ein weiterer Punkt ist, dass Thailänder Luxus lieben. Traditionell hat das Tragen von Gold einen sehr hohen Stellenwert. Damit zeigt man, dass man Geld hat. Gold lässt sich auch immer wieder verkaufen, im Gegensatz zu einem Grundstück oder einem Haus. In Bangkok gibt es sicher 1000 Einkaufszentren. Die modernsten und teuersten heissen:
Diese Shoppingcenter haben die teuersten Luxusartikel und sind vor allem stark besucht. Vor allem die obere soziale Schicht und Touristen gehen in diese Shoppingkomplexe. In der Schweiz haben wir nichts vergleichbares. Sihl City mag zwar modern sein, ist aber eher vergleichbar mit einem “Central” Einkaufscenter. In der Schweiz ist die offensichtliche Darstellung von Luxus nicht sonderlich erwünscht und die Menschen, die dies tun werden oft als “Snob” abgestempelt. In Thailand ist das Darstellen von Reichtum, sowie auch das Einsetzen seines Geldes (z.B. für Bestechung) nichts Abnormales. Das Selbe gilt auch für Hotels. Bangkok hat einige der besten Hotels der Welt:
- Hilton: Wir waren in der obersten Bar im 80. Stockwerk, von welcher aus man die Stadt sehen kann. Ein Teil der Bar war abgesperrt, weil der Prinz dort war (ich habe ihn leider nicht kennengelernt). Die Preise für Getränke gingen bis zu über 10000.- für eine Flasche Champagner, und ein Appetizer kostete knappe 30.-. Unvergleichlich mit dem Hilton in Basel. Auch die Bedienung gibt einem das Gefühl, etwas Spezielles zu sein. (Offizielle Website)
- The Peninsula: Gilt als eines der besten in Bangkok und ist auf Platz 17 der Weltrangliste. (Offzielle Website)
- The Oriental: War letztes Jahr auf Platz 3 der Weltrangliste, dieses Jahr auf Platz 14. (Offizielle Website).
Zum Vergleich: Das beste Hotel in der Schweiz (Victoria-Jungfrau Grande Hotel) ist auf Platz 62 der Weltrangliste.
Dies als Information, wie Zeit und Geld unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Vor allem, das Schweizer Hotel ist verhältnismässig viel teurer als diejenigen in Bangkok – absolut gesehen ist die Schweiz teurer, d.h. Luxus wird wahrscheinlich in der Schweiz mehr bzw. häufiger konsumiert als hier, da mehr Geld verfügbar ist. Aber wir bekommen dies weniger zu Gesicht. Ausserdem ist der Kontrast weniger gross: In Bangkok gibt es vor dem besten Hotel einen kleinen Stand, wo man für 60 Rappen Nudeln kaufen kann. In der Schweiz gibt es neben einem guten Hotel vielleicht ein Blumengeschäft, wo ein Strauss auch schon 30 Franken kostet.
Ein letztes Thema ist Schönheit. Thailänderinnen und auch Thailänder sind sehr auf die eigene Schönheit bedacht. Dies beginnt damit, dass im Bus Gesichtstücher verteilt werden. Oder dass es Schweisstücher zu kaufen gibt, mit welchen man Hautfett abtupfen kann. Zudem schminken sich die Frauen ständig – in aller Öffentlichkeit. Die Männer schauen in jedem Spiegel, an dem sie vorbeigehen, ob die eigene Erscheinung stimmt. An jeder Ecke gibt es einen “Beautysalon”, wo Haarpflege, Maniküre, z.T. Massage, etc. angeboten wird. Die Kundschaft besteht zu 99% aus Frauen. Daneben gibt es Spas, welche eine teurere Massage und Körperpflege anbieten – Kundschaft: reichere Thais, Touristen (auch für Männer). Es gibt zahlreiche Körper- und Gesichtspflegeprodukte (auch Nivea) welche “Whitening” als Eigenschaft besitzen. Thais sind verrückt nach weiss, da dies ihrem Schönheitsideal entspricht. So sind fast alle Models und Stars eher weiss. Dies kommt daher, dass die dunkle Hautfarbe der Arbeiterklasse zugerechnet wird – weiss entspricht Wohlstand. Allerdings wurde mir von einem Freund gesagt, dass alle nicht dunklen Thais keine 100% Thais sind, sondern meistens gemischt mit chinesischem Blut (evtl. vor mehreren hundert Jahren). Auch tragen gewisse Menschen einen Sonnenschirm mit sich, damit sie nicht braun werden. Oder es wird schnell die Tasche über den Kopf gelegt, wenn man sich in sonnigem Gebiet bewegt. Ein Schönheitstipp von Annchalee’s Mutter: Frisches Eiweiss vom Ei auf das gereinigte Gesicht auftragen, ca. 20 Minuten einwirken lassen, dabei das Gesicht entspannt lassen und nicht bewegen, mit Wasser abspülen. Gurken ist nach wie vor auch eine gute Möglichkeit